Montags bis donnerstags arbeiten und freitags frei haben: Was noch vor wenigen Jahren als Utopie galt, wird in immer mehr deutschen Unternehmen Realität. Die 4-Tage-Woche ist längst kein Nischenthema mehr. Pilotprojekte, wissenschaftliche Studien und eine breite gesellschaftliche Debatte haben das Arbeitszeitmodell ins Zentrum der Arbeitswelt gerückt. Doch was steckt wirklich dahinter? Welche Modelle gibt es, was sagen die Daten, und lohnt sich der Umstieg für dich persönlich?
Warum die 4-Tage-Woche gerade so aktuell ist
Mehrere Entwicklungen haben dafür gesorgt, dass die 4-Tage-Woche in Deutschland Fahrt aufgenommen hat. Der Fachkräftemangel zwingt Unternehmen, attraktivere Arbeitsbedingungen zu schaffen. Gleichzeitig hat die Corona-Pandemie gezeigt, dass flexible Arbeitsmodelle funktionieren können. Und nicht zuletzt fordern jüngere Generationen eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben.
International liefern Länder wie Island, Großbritannien und Belgien bereits Erfahrungswerte. In Belgien haben Arbeitnehmer seit November 2022 sogar einen gesetzlichen Anspruch darauf, ihre Wochenarbeitszeit auf vier Tage zu verteilen. In Deutschland gibt es zwar keinen solchen Rechtsanspruch, doch das Interesse wächst stetig. Laut einer Studie der Bertelsmann Stiftung von 2025 sehen viele Beschäftigte die 4-Tage-Woche als Einstieg in flexiblere Arbeitszeitmodelle.
Die verschiedenen Modelle im Überblick
Nicht jede 4-Tage-Woche ist gleich. Je nach Ausgestaltung unterscheiden sich die Modelle erheblich in ihren Auswirkungen auf Arbeitszeit, Gehalt und Belastung.
Das 100-80-100-Modell (verkürzte Arbeitszeit bei vollem Lohn)
Dieses Modell ist der Star der aktuellen Debatte: 100 Prozent Gehalt für 80 Prozent der Arbeitszeit, bei 100 Prozent Produktivität. Aus einer 40-Stunden-Woche werden 32 Stunden, verteilt auf vier Tage. Die Grundidee dahinter: Durch effizientere Prozesse, weniger Ablenkungen und kürzere Meetings lässt sich die gleiche Leistung in weniger Zeit erbringen.
Das belgische Modell (komprimierte Arbeitszeit)
Hier bleibt die Wochenarbeitszeit gleich, wird aber auf vier statt fünf Tage verteilt. Bei einer 40-Stunden-Woche bedeutet das 10-Stunden-Tage. Du bekommst zwar einen zusätzlichen freien Tag, arbeitest an den übrigen Tagen aber deutlich länger. Dieses Modell eignet sich nicht für jede Branche und kann die Belastung an den Arbeitstagen erhöhen.
Teilzeitmodell mit Gehaltsanpassung
Die einfachste Variante: Du reduzierst deine Arbeitszeit auf vier Tage und erhältst ein entsprechend geringeres Gehalt. Dieses Modell existiert in vielen Unternehmen bereits, wird aber in der aktuellen Debatte weniger diskutiert, weil es für viele Beschäftigte finanziell nicht tragbar ist.
Flexible Hybridmodelle
Einige Unternehmen experimentieren mit flexiblen Lösungen. Mitarbeitende können je nach Auftragslage oder Projektphase zwischen vier und fünf Tagen wechseln. Andere gewähren jede zweite Woche einen freien Tag. Diese Modelle bieten Flexibilität, erfordern aber klare Absprachen.

Was die deutsche Pilotstudie zeigt
Anfang 2024 startete Deutschlands bisher größte wissenschaftliche Studie zur 4-Tage-Woche. 45 Organisationen aus verschiedenen Branchen nahmen an dem sechsmonatigen Pilotprojekt teil, das von der Berliner Beratungsagentur Intraprenör und der Organisation 4 Day Week Global koordiniert und von der Universität Münster wissenschaftlich begleitet wurde.
Die Ergebnisse der Pilotstudie, die Ende 2024 veröffentlicht wurden, sind bemerkenswert:
- Produktivität: Umsatz und Gewinn blieben trotz reduzierter Arbeitszeit stabil oder stiegen leicht. Sowohl Geschäftsführungen als auch Mitarbeitende berichteten von einer gefühlten Produktivitätssteigerung.
- Gesundheit: Die Beschäftigten schliefen im Schnitt 38 Minuten pro Woche mehr als eine Vergleichsgruppe. Stresswerte, gemessen über Smartwatches, fielen deutlich niedriger aus.
- Zufriedenheit: Die Lebenszufriedenheit stieg signifikant. Vor dem Pilotprojekt wünschten sich 64 Prozent der Teilnehmenden mehr Zeit für die Familie, danach nur noch 50 Prozent.
- Prozessoptimierung: Über 60 Prozent der Unternehmen reduzierten Ablenkungen und optimierten Abläufe. Die Hälfte veränderte die Meetingkultur, ein Viertel führte neue digitale Tools ein.
- Fortführung: Rund 73 Prozent der teilnehmenden Organisationen wollten das Modell über die Testphase hinaus beibehalten. 20 Prozent kehrten zur 5-Tage-Woche zurück, 7 Prozent waren noch unentschlossen.
Interessant ist auch, was die Studie nicht zeigen konnte: Ein positiver Effekt auf das Umweltverhalten der Beschäftigten blieb aus. Im Gegenteil, die Reisetätigkeit im Inland stieg bei den Teilnehmenden sogar leicht an.

Vorteile für Arbeitnehmer
Die Vorteile für Beschäftigte liegen auf der Hand, vorausgesetzt, das Modell sieht eine echte Arbeitszeitverkürzung vor:
Mehr Erholung und weniger Stress. Ein zusätzlicher freier Tag pro Woche gibt dir die Möglichkeit, dich wirklich zu regenerieren. Arzttermine, Behördengänge oder einfach ein Tag für dich selbst fallen nicht mehr in die ohnehin knappe Freizeit am Wochenende.
Bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Besonders Eltern profitieren von einem dritten freien Tag. Weniger Betreuungskosten, mehr gemeinsame Zeit mit den Kindern, weniger Hektik im Alltag.
Höhere Motivation und Fokus. Wer weiß, dass die Arbeitswoche nur vier Tage hat, geht konzentrierter an die Arbeit. Unnötige Meetings, ausufernde E-Mail-Ketten und Ablenkungen werden bewusster hinterfragt.
Attraktivität des Arbeitgebers. Wenn dein Unternehmen eine 4-Tage-Woche anbietet, steigert das auch deine eigene Zufriedenheit mit dem Arbeitsplatz. Der Wunsch nach einem Jobwechsel sinkt nachweislich.
Chancen und Risiken für Arbeitgeber
Für Unternehmen ist die 4-Tage-Woche ein zweischneidiges Schwert. Die potenziellen Vorteile sind erheblich, aber es gibt auch berechtigte Bedenken.
Was dafür spricht
- Wettbewerbsvorteil im Recruiting: In Zeiten des Fachkräftemangels kann eine 4-Tage-Woche das entscheidende Argument sein, um qualifizierte Bewerber zu gewinnen.
- Geringerer Krankenstand: Die Wenzel Group, ein Maschinenbauunternehmen, berichtet, dass sich der Krankenstand seit Einführung der 4-Tage-Woche halbiert hat.
- Höhere Mitarbeiterbindung: Zufriedene Beschäftigte bleiben länger im Unternehmen. Fluktuation und die damit verbundenen Kosten sinken.
- Effizienzgewinne: Der Zwang, in weniger Zeit das gleiche Ergebnis zu liefern, deckt ineffiziente Prozesse auf und fördert die Digitalisierung.
Was dagegen spricht
- Nicht für jede Branche geeignet: In der Produktion, im Einzelhandel oder in der Pflege ist eine Reduktion der Arbeitszeit schwerer umzusetzen, ohne zusätzliches Personal einzustellen.
- Organisatorischer Aufwand: Laut einer Randstad-Studie befürchten 52 Prozent der Betriebe einen hohen Organisationsaufwand bei der Umstellung.
- Personalbedarf: 59 Prozent der befragten Unternehmen geben an, dass für die Umsetzung mehr Personal nötig wäre.
- Erreichbarkeit und Kundenservice: Wenn alle Mitarbeitenden freitags frei haben, kann die Erreichbarkeit gegenüber Kunden und Geschäftspartnern leiden. Hier sind Rotationsmodelle gefragt.
Rechtliche Rahmenbedingungen in Deutschland
Einen gesetzlichen Anspruch auf eine 4-Tage-Woche gibt es in Deutschland nicht. Allerdings schaffen bestehende Gesetze bereits einen Rahmen, der verschiedene Modelle ermöglicht.
Das Arbeitszeitgesetz (ArbZG) erlaubt derzeit eine tägliche Arbeitszeit von maximal 8 Stunden, die auf bis zu 10 Stunden verlängert werden darf, sofern innerhalb von 6 Monaten ein Ausgleich stattfindet. Für das belgische Modell mit 10-Stunden-Tagen ist das relevant: Es ist grundsätzlich möglich, erfordert aber die Einhaltung der Ausgleichsregelungen und der gesetzlichen Ruhezeiten von mindestens 11 Stunden zwischen zwei Arbeitstagen.
Der Koalitionsvertrag der Bundesregierung 2025 sieht eine Flexibilisierung des Arbeitszeitgesetzes vor. Statt einer täglichen Höchstarbeitszeit soll eine wöchentliche Betrachtung eingeführt werden, im Einklang mit der EU-Arbeitszeitrichtlinie. Die maximale Wochenarbeitszeit würde bei 48 Stunden bleiben. Diese Reform, die frühestens im Laufe des Jahres 2026 erwartet wird, würde komprimierte Arbeitszeitmodelle deutlich erleichtern.
Das Teilzeit- und Befristungsgesetz (TzBfG) gibt Beschäftigten in Unternehmen mit mehr als 15 Mitarbeitenden das Recht, eine Reduzierung ihrer Arbeitszeit zu verlangen. Der Arbeitgeber darf das nur aus betrieblichen Gründen ablehnen. Über die sogenannte Brückenteilzeit kannst du deine Arbeitszeit befristet reduzieren und danach zur Vollzeit zurückkehren.
Wichtig: Urlaubsanspruch und Feiertage berechnen sich bei einer 4-Tage-Woche anteilig. Bei 4 Arbeitstagen pro Woche stehen dir statt der üblichen 20 Mindesturlaubstage nur 16 zu. Effektiv ändert sich aber nichts, denn du hast in beiden Fällen vier Wochen bezahlten Urlaub.
Welche Branchen machen es bereits?
Die 4-Tage-Woche ist längst nicht mehr nur ein Thema für hippe Tech-Start-ups. Eine Auswertung von Stellenanzeigen zeigt, dass vor allem das Handwerk und der Bau mit der 4-Tage-Woche werben, mit rund 4.100 entsprechenden Ausschreibungen. Es folgen technische Fachkräfte wie Ingenieure und Architekten (über 2.500 Anzeigen) sowie Gesundheits- und Pflegeberufe (knapp 1.800 Anzeigen).
Auch die öffentliche Verwaltung experimentiert: Die Stadt Wedel in Schleswig-Holstein war eine der ersten Kommunen in Deutschland, die eine 4-Tage-Woche für ihre Beschäftigten einführte. Insgesamt bieten laut Erhebungen rund 11 Prozent der deutschen Unternehmen bereits eine Form der 4-Tage-Woche an.
So verhandelst du die 4-Tage-Woche mit deinem Arbeitgeber
Du möchtest eine 4-Tage-Woche in deinem Unternehmen anstoßen? Mit der richtigen Vorbereitung stehen deine Chancen besser, als du vielleicht denkst.
1. Informiere dich gründlich. Kenne die verschiedenen Modelle und ihre Vor- und Nachteile. Je besser du argumentieren kannst, desto überzeugender wirkst du. Die Ergebnisse der deutschen Pilotstudie sind ein starkes Argument.
2. Denke aus Arbeitgebersicht. Stelle nicht dein persönliches Wohlbefinden in den Vordergrund, sondern den betrieblichen Nutzen. Weniger Krankenstand, höhere Produktivität, bessere Mitarbeiterbindung: Das sind die Argumente, die bei Vorgesetzten und Geschäftsführungen ankommen.
3. Schlage eine Testphase vor. Ein befristeter Versuch über drei bis sechs Monate senkt die Hemmschwelle erheblich. Definiere gemeinsam mit deinem Team klare Erfolgskriterien, an denen ihr den Versuch messen könnt.
4. Zeige Optimierungspotenzial auf. Analysiere vorab, wo in deinem Arbeitsalltag Zeit verschwendet wird. Unnötige Meetings, doppelte Abstimmungsschleifen, ineffiziente Prozesse: Wenn du konkrete Vorschläge zur Effizienzsteigerung mitbringst, zeigst du, dass du das Thema ernst nimmst.
5. Sei flexibel. Vielleicht ist eine 4-Tage-Woche für alle nicht sofort umsetzbar. Dann könnte ein Rotationsmodell oder eine individuelle Lösung für dein Team ein erster Schritt sein.
6. Nutze dein Recht auf Teilzeit. Falls dein Arbeitgeber eine echte 4-Tage-Woche ablehnt, kannst du in Unternehmen mit mehr als 15 Mitarbeitenden eine Arbeitszeitreduzierung beantragen. Das ist zwar mit einer Gehaltsanpassung verbunden, kann aber ein Einstieg sein.
Fazit: Kein Allheilmittel, aber ein vielversprechendes Modell
Die 4-Tage-Woche ist kein Allheilmittel für alle Probleme der modernen Arbeitswelt. Sie funktioniert nicht in jeder Branche gleich gut, erfordert organisatorische Anpassungen und setzt voraus, dass Unternehmen und Beschäftigte bereit sind, ihre Arbeitsweise grundlegend zu hinterfragen.
Doch die Daten sprechen eine deutliche Sprache: Die deutsche Pilotstudie zeigt, dass weniger Arbeitszeit nicht automatisch weniger Leistung bedeutet. Im Gegenteil. Wer konzentrierter arbeitet, Prozesse optimiert und unnötige Zeitfresser eliminiert, kann in vier Tagen das schaffen, wofür bisher fünf nötig waren.
Ob die 4-Tage-Woche zu dir passt, hängt von deiner persönlichen Situation, deiner Branche und deinem Arbeitgeber ab. Fest steht: Das Thema wird in den kommenden Jahren weiter an Bedeutung gewinnen. Die geplante Flexibilisierung des Arbeitszeitgesetzes und der anhaltende Fachkräftemangel werden dafür sorgen, dass immer mehr Unternehmen über neue Arbeitszeitmodelle nachdenken. Es lohnt sich, das Gespräch zu suchen.





